Herzlich Willkommen und viel Spaß beim Schmökern
Bettina‘s Lese-Ecke
Dermaßen in ihr Grübeln versunken hatte Kiana die Zeit vergessen. Und weit schlimmer, sie hatte nicht auf das Wetter geachtet. Mittlerweile regnete es in Strömen. Kleine Bäche traten bereits über die Ufer. Nicht mehr lange und das Gebiet jenseits der Fabriken würde unter Wasser stehen. Im Grunde nichts Neues. Und beileibe nichts Ungewöhnliches. Seit dem langen Winter wechselte sich miserables Wetter und Hochwasser in schönster Regelmäßigkeit ab. Kiana kehrte um. Nach wenigen Schritten blieb sie stehen. Auf dem Weg, den sie gekommen war, konnte sie unmöglich zurück. Hier war bereits alles überschwemmt und versank im Morast. Besorgt sah sie zum Himmel. Zu allem Überfluss türmten sich am Horizont schwarze Wolken auf, aus denen schon vereinzelt, grelle Blitze schossen. Es war nicht mehr zu übersehen, dass ein heftiger Sturm aufzog. Höchste Zeit, nach Hause zu kommen. Wofür ihr jetzt nur noch zwei Möglichkeiten blieben. Wählte sie den sicheren Weg, würde sie bis nach Hause weitere drei Stunden brauchen. Angesichts des nahenden Unwetters und des bevorstehenden Familienessens war das keine ratsame Option. Womit ihr nur der Weg über die Schlucht blieb. Was bei diesem Wetter kein leichtes Unterfangen war, da über den Abgrund nur ein schmaler, unsicherer Steg führte. Kiana atmete tief durch. Im Moment hatte sie nur diese eine Alternative. Wenn sie weiterhin zögerte, würde sie mit Sicherheit ins Auge des Sturms geraten. Und weit schlimmer, sie würde sich zum traditionellen Essen und Jeromes Machtdemonstration verspäten. Oder ... weit tragischer, sie würde dort erst gar nicht erscheinen. Daraus resultierende Folgen wollte sie sich erst gar nicht ausmalen. Mit einen tiefen Seufzer band sie ihre langen, rotgelockten Haare im Nacken zusammen. Dann rannte sie los. Erst an der Waldgrenze blieb sie im Schutze der Bäume stehen. Vor ihr lag eine kurze freie Fläche. Dahinter kam besagte Schlucht, dessen Verbindung zur anderen Seite nur dieser glitschige Steg war. War dieses Hindernis geschafft, führte ein von Felswand und Abgrund beengter Pfad bis zu den von dichtem Wald umgebenen Fabriken der Clans. Aber auch dieser Weg hatte so seine Tücken. Uneben und voller Wurzel, Steine und glattem Fels war er nicht nur bei schlechtem Wetter gefährlich. In den unterhalb des Abgrundes gelegenen, reißenden Fluss waren schon viele Menschen bei weit besseren Wetterverhältnissen gestürzt. Kiana holte tief Luft und rannte los.