Herzlich Willkommen und viel Spaß beim Schmökern
Bettina‘s Lese-Ecke
Vor dem Steg blieb sie zögernd stehen. Nicht aus Angst, nein. Was sie am Weitergehen hinderte, war ihr überaus empfindliches Gefühl für ihre Umgebung. Noch bevor sie etwas sehen konnte, wusste sie, dass jemand oder etwas direkt auf sie zukam. Um nicht sofort entdeckt zu werden, kauerte sich Kiana vor dem Steg auf den Boden. Sie hatte sich kaum geduckt, als auch schon ein Mann aus dem Wald der Murenis kam. Er schien es äußerst eilig zu haben. Ohne sein Tempo zu drosseln, rannte er auf dem schmalen Pfad Richtung Steg. Kiana bewegte sich nicht. Unwillig schüttelte sie mit dem Kopf. Dieser Mann schien vor irgendetwas oder jemanden auf der Flucht zu sein. Und das, ohne auch nur im Geringsten auf seinen Weg zu achten. Auch seine Art, sich fortzubewegen war seltsam. Wo-möglich lag es an seiner untersetzten Gestalt und daran, dass er seinen Oberkörper ungewöhnlich weit nach vorne beugte. Geradeso, als ob er mit dem Kopf durch eine Wand wolle. „Mach langsam und achte auf deinen Weg“, warnte Kiana leise, da der Mann mit unverändertem Tempo über den glitschigen Fels lief. Wie von Kiana befürchtet, stolperte er und stürzte. Als er unbeholfen aufstand, sah er sich ängstlich um. „Wirst du verfolgt?“, überlegte Kiana. Der Mann lief weiter. Dabei drehte er sich immer wieder um. Kiana beobachtete ihn kopfschüttelnd. Sie hatte es kommen sehen. Dadurch, dass er sich ständig umdrehte, achtete er noch weniger auf die Bodenbeschaffenheit. Er fiel erneut auf den Boden. Dieses Mal schlug er hart und dicht am Abgrund zur Schlucht auf. Sein Schmerzensschrei war weithin zu hören. Eine Weile blieb er reglos liegen. Kiana stand besorgt auf. In dem Moment, in dem sie den Steg überqueren wollte, kam ein weiterer Mann aus dem Unterholz des Mureni-Waldes. Kiana duckte sich erneut. Dieser Mann war wesentlich grö-ßer als der, den er augenscheinlich verfolgte. Er war schlank und wirkte durchtrainiert. Kiana blieb unschlüssig in der Hocke. Auch der Große hielt kurz inne. Er sah sich suchend um. In dem Moment stand der Flüchtende schwerfällig und gefährlich schwankend auf. Dabei drückte er seinen rechten Arm mit schmerzverzerrtem Gesicht an sich. Er sah sich nervös um und kam erneut ins Rutschen. Um sein Gleichgewicht zu halten, ruderte er mit dem unverletzten Arm wild durch die Luft.