Herzlich Willkommen und viel Spaß beim Schmökern
Bettina‘s Lese-Ecke
‚Gott, wenn es dich gibt, dann bitte, lass mich noch einen kleinen Moment am Leben‘, dachte er. ‚Schenke mir noch einen Blick in ihre Augen. Und bitte, lass meine Hand noch ein bisschen länger in der ihren. Diese Frau ist etwas Besonderes. Sie hat Mut und sie gibt schwer auf.‘ Er lächelte. Genauso hatte er sich seine zukünftige Frau vorgestellt. Nur etwas größer. Diese Frau mit den roten, lockigen, vom Wind zerzausten Haaren, die ihr mit Sicherheit bis zur Taille reichten, schien doch ein bisschen klein zu sein. Es war verdammt mutig von ihr, ihn, einen Fremden retten zu wollen. Er lockerte seinen Griff, mit dem er sich instinktiv an ihre Hand geklammert hatte. „Wage es nicht!“, zischte Kiana mit funkelnden Au-gen, die den Blitzen in der Ferne wahrhaft Konkurrenz machen konnten. „Wage es nicht, und lass meine Hand los!“ In ihrer Stimme lag etwas, das keinerlei Wider-spruch duldete. Weshalb er, ohne zu überlegen, fester zugriff. Er, der es gewohnt war, Befehle zu erteilen, wagte es nicht, dieser Frau zu widersprechen. In dem Moment, in dem ihm das bewusst wurde, schmunzelte er. Sie hatte keine Wahl. Das war nicht nur ihm, das war auch ihr klar. Früher oder später musste sie ihn loslassen. Ihre Kräfte schwanden bereits. Das war ihm nicht entgangen. Er wollte diesen wundersamen Au-genblick nur noch ein kleines bisschen hinauszögern. Das waren die letzten Minuten seines Lebens. Er würde sie nicht gefährden, aber er wollte diesen wunderbaren Moment so lange hinauszögern und auskosten, solange es ging. Mit einem Male hatte der Fremde den Duft von frisch gebackenem Apfelkuchen in der Nase. Eine Erinnerung aus einer längst vergangenen Zeit. Eine Geschichte aus vergessenen Kindertagen. Er atmete tief ein. Ein Backwerk seiner verstorbenen Großmut-ter aus besseren Zeiten. Aus einer Epoche, als alles noch annähernd normal war. Er schüttelte unmerklich mit dem Kopf. Seltsam doch, wie real eine Empfindung sein konnte, die er einzig und alleine aus wirklichkeitsgetreuen und äußerst lebhaften Schilderungen seiner Großmutter kannte. Ein Duft aus Zimt und Äpfeln. Zutaten, die es in seinem Leben nie gegeben hatte. Er hatte nie Apfelkuchen gegessen. Es war die Erinnerung aus einem Leben, das es vor dem langen Winter gegeben hatte. Und genau wie damals, als seine Großmutter von diesem Kuchen schwärmte, konnte er auch jetzt, im Angesicht des Todes, den Geschmack auf der Zunge spüren, ohne ihn jemals wirklich gekostet zu haben. Der Fremde stöhnte leise.
Also gut Leute, das war‘s dann. Das Buch gibt es auch als ebook
Besucherzaehler